Slam Poetry Oldenburg

Die Geschichte des Slam Poetry Oldenburg bis 2002, erzählt von Tobi Kirsch und entnommen aus dem Buch »Poeme, Proleten und Poeme: Slam Poetry in Oldenburg 1999-2004«. Die nächsten Jahre folgen in den nächsten Jahren.

Von Null auf Neunzig- der Anfang im ConTakt (1999- 2000), kurzer Abriß der Entstehung inklusive

Vom ersten Besuch eines Poetry Slams bis zur ersten Veranstaltung im ehemaligen ConTakt dauerte es anderthalb Jahre. 1997 hatte die Literaturzeitschrift “Grauzone” unter dem Motto “Betrunkene Autoren lesen” einen Slam im Litfaß veranstaltet. Der Abend sprach mich sehr an, und ich versuchte, mehr über diese literarische Darstellungsform zu erfahren. In meiner Heimatstadt Hamburg besuchte ich die Slams in der Künstlerkneipe “Fool’s Garden”. Als ich im Herbst 1998 dann für eine Radiosendung den Slam-Erfinder Marc Smith interviewt habe, stand für mich fest, daß ich es selbst einmal mit einem Slam versuchen sollte.

Mit Hilfe vieler Freunde und Bekannte und viel Anfangsidealismus fing ich im Mai 1999 mit der ersten Veranstaltung an. Gleich an diesem ersten Abend war der Publikumszuspruch hoch und das sollte lange Zeit so bleiben, mit einem Schnitt von neunzig Zuschauern hat sich der Slam im ersten Jahr gut etabliert. Auch der erste Teilnehmer an deutschen Meisterschaften im Slam, Alexander Schnackenburg, hat damals im Mai erfahrene Slammer wie Bastian Böttcher und Hartmut Pospiech hinter sich lassen können. In Hamburg hatte ich kurz zuvor um Unterstützung gebeten, und so waren am ersten Abend neben diesen beiden auch der inzwischen erfolgreiche Autor Stefan Beuse und der Jazzpoet Chris Brown zu Gast. Die Teilnahme der vier auswärtigen Autoren war sehr wichtig, ohne sie hätte der Slam nicht in dem Maße wachsen können, wie das in den beiden folgenden Jahren passiert ist. Vor Beginn des ersten Slams war nämlich überhaupt nicht sicher, ob sich interessierte Autoren für diese Literaturform begeistern würden.

Bis zum Sommer nutzte ich den Vorteil der neuen Veranstaltung für zwei weitere Slams, in denen sich das Interesse des Publikums weiter festsetzen konnte. Turbulent ging es hier zu, das ConTakt war eine gute Heimat mit angenehmem Flair und guter Sicht fürs ganze Publikum. Nachdem es zuerst wegen der Teilnahme des noch jungen Oldenburger Slams am National Slam (die deutschen Meisterschaften) zu kleinen Problemen gekommen war, reisten dann im Oktober doch drei Menschen (Alex Schnackenburg, Lucienne Mischke und ich) ins hoch kulturell geprägte Weimar. Hier spielte sich das ab, was vorher nur als Ahnung in meinem Kopf bestand: Poetry Slam als Rock’n’ Roll der jungen Literaturszene. Im Guten wie im schlechten: Große Momente und grandiose Abstürze, vor letzterem war leider auch Alex als Oldenburger Teilnehmer nicht zu schützen. Alles erschien noch frisch und unverbraucht. Auf diesen Meisterschaften konnte ich erste Kontakte zu Slammern aus anderen deutschen Städten knüpfen, was später im Alluvium zu einer regelmäßigen Gastlesung führen sollte. Schon im Dezember 1999 reiste dann das Team Infernale, Wehwalt Koslovsky und Lasse Samström, zu einem Slam- Gastauftritt an und rockten das ConTakt bis zum Feierabend.

Als Oldenburger Neulinge haben in dieser Zeit auch Heike Nitschner und Michael Andreas Hilbers begonnen. Beide haben später Oldenburg auf den German International Poetry Slams (kurz: GIPS, die oben beschriebenen deutschen Meisterschaften) vertreten. Heike Nitschner war 2000 sowohl im Einzel als auch mit dem Oldenburger Team in Düsseldorf beim GIPS angetreten. Der Beitrag “Als Winnie mich grüßte wie eine Enduro” ist auf der inzwischen ausverkauften CD zum zehnten Oldenburger Slam zu hören. Auch Andreas ist dort mit “Lach doch mal” vertreten , ein Text, bei dem seine später ausgeprägten Bühnenperformances schon zu erahnen waren.

Bis zum Februar 2000 gab es keine feststehende Moderation, sie wechselte mehrfach in der Anfangszeit. Ab diesem Zeitpunkt jedoch hat Lucienne Miscke die Moderation fest in die Hand genommen und dem Slam lange Zeit ein einprägsames Gesicht und eine Stimme verliehen. Durch ihre Kenntnis des Slam als Zuschauerin hat sie es eindrucksvoll verstanden, Newcomern eine Chance zu geben und das Publikum bei zu starken Einlassungen etwas zu bremsen. Diese Fähigkeit mußte sie schon beim ersten Mal unter Beweis stellen, denn im Februar 2000 war das ConTakt bis zum Bersten gefüllt. Die Atmosphäre war sehr aufgeheizt, und vor der Theke gab es zeitweilig kein Durchkommen mehr.

Nicht viel später ist der Umzug des Slams ins Alluvium vollzogen worden, um dem Publikum einen Raum zu bieten, indem es sich trotz vieler Zuschauer noch wohl fühlen konnte. Ich danke dem ConTakt für eine gute Zeit. Weiterhin danke ich dem damaligen Offenen Kanal für die technische Unterstützung und meinen damaligen Mitbewohnern, Freunden und Bekannten für die vielen helfenden Hände in der Zeit.

Der Aufstieg zum Hype- erste Stars und großer Rummel (2000-2001): das erste Jahr im Jazzclub Alluvium mit vielen Neuentdeckungen

Der erste Slam im Jazzclub Alluvium hatte gleich zwei Paukenschläge zu bieten: einmal das nicht nachlassende Publikumsinteresse und dann die Auftritte von Marlene Stamerjohanns und Jasper Beutin. Zwei Autoren, die den Wettbewerb für eine längere Zeit prägen sollten. Jasper war zu dem Zeitpunkt gerade mal sechzehn, außerhalb der Bühne eher schüchtern, auf den Brettern der kleinen Slambühne jedoch ging er völlig aus sich raus. Er hatte das Publikum sofort auf seiner Seite und trat dann auch 2001 in Hamburg beim GIPS (siehe “von Null auf Neunzig”) für Oldenburg an. Zum anderen Marlene, inzwischen überregional bekannt, sie machte allein durch ihr höheres Alter die Zuschauer neugierig. Wer wagt sich schon auf eine so jugendliche Veranstaltung in dem Alter (sie hat mit über sechzig beim Slam angefangen) und geht dann auch noch mit selbst geschriebener Lyrik auf die Bühne? Ihre charmante Art auf dem Slam und ihre sozialkritischen Töne kamen und kommen beim Slampublikum an, und das beileibe nicht nur in Oldenburg. Seit dem Jahr 2000 ist Marlene jedes Jahr auf den deutschen Slammeisterschaften vertreten gewesen, in diesem Jahr und in 2003 erreichte sie jedenfalls ehrbare Plätze unter der zehn besten Slammern Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. In diesem Block ist ihr erster Slamhit das Arbeitslosenlied enthalten. Sie ist ohne Zweifel zu einer Art Star des Oldenburger Poetry Slams geworden, hat sie doch mehrere kurze Fernsehauftritte hinter sich und eine eigene kleine Fangemeinde.

Kurz darauf traten zwei weitere prägnante Persönlichkeiten beim Poetry Slam auf: Mario F. und Justus Lodemann. Mario wurde von einer Slamkollegin schon als neuer Bukowski geadelt und kam zu den Weihen eines Sternberichts bei einem Slamabstecher nach Hamburg. Seine ‘Milieubeschimpfung’ ist ein Klassiker einer Publikumsbeschimpfung, saßen doch in Oldenburg meistens die so beschriebenen Studenten im Publikum, die das aber gerne durch Applaus unterstützten. Justus Lodemann hat gleich mit seinem ersten Auftritt die weibliche Zuschauerschaft durch seine tiefe Stimme begeistert. Ganz abgesehen davon schreibt er tiefsinnige Kurzgeschichten, hier vertreten durch seinen allerersten Text für einen Slam, “Augenversteckspiel”. Zum eigenen Text schweigt der Herausgeber lieber, wie bei einem Auftritt beim Slam sollte auch hier der Text für sich stehen. Warum der überhaupt hier drin ist? Gute Frage, der gehört mit hier rein in diesen Block, weil zu der Zeit auch seine kurze aktive Slamlaufbahn stattfand.

In dieser ersten Zeit erreichte der Slam am meisten Zuschauer, zum Zeitpunkt der größten Aufmerksamkeit wollten bis zu 200 Zuschauer den Autoren zu sehen und zu hören. Im Oktober 2000 wurde der zehnte regelmäßige Slam gefeiert und als Neuerung eine Gastlesung eines auswärtigen Slammers eingeführt (eine Liste der Gastautoren findet sich unter der ‘Gästeliste’). Rückblickend eine gelungene Geschichte, manchmal jedoch deutlich am Interesse des Pulikums vorbei gehend, die vor allem den Wettbewerb erleben wollten. Zwischendurch dann auch die Rettung mancher Abende bei langweiligen oder schlecht besetzten Slamwettkämpfen. In einem so schnellebigen Medium wie dem Slam ändert sich ja alles von heute auf morgen. Auch die Vielfalt der Performances reicht von leisem Vortrag bis zu schreiender Extase. All diese Formen sind im folgenden Teil des Buchs enthalten, vom lautstarken Jasper über den punkigen Mario bis zum zurückhaltenden Tonfall von Justus.

Poeme, Proleten & Poeten: Slampoetry in Oldenburg 1999-2004.